20 Jahre Nationaler Geopark Ries
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Wie ein Himmelsereignis zur Erfolgsgeschichte einer ganzen Region wurde

Dr. Ulrike Mattig, Mitglied des Nationalkomitees UNESCO Global Geoparks der Deutschen UNESCO Kommission und Leiterin der Zertifizierungskommission Nationale GeoParks der GeoUnion / Alfred Wegener Stiftung

Vor rund 14,5 Millionen Jahren veränderte ein Ereignis kosmischen Ausmaßes die Landschaft Süddeutschlands für immer: Ein etwa anderthalb Kilometer großer Asteroid traf die Erde und hinterließ einen Krater von 25 Kilometern Durchmesser. Was damals eine Katastrophe biblischen Ausmaßes war, ist heute ein Geschenk für Wissenschaft, Bildung, Tourismus - und ein „Glückstreffer“ für die Menschen, die hier leben.

Das Nördlinger Ries gehört zu den faszinierendsten Landschaften Europas. Nirgendwo sonst lässt sich ein Meteoriteneinschlag so klar in der Landschaft erkennen. Die sanften Hügel, der ringförmig aufgeworfene Rand und das weite Becken erzählen vom gewaltigen Moment der Entstehung – greifbar, sichtbar und voller Geschichten. Für Forscherinnen und Forscher ist das Ries ein Freiluftlabor von Weltrang, für begeisterte Besucherinnen und Besucher ein Abenteuerpfad durch die Erdgeschichte. Wie bei keinem anderen Geopark in Deutschland ist das Kriterium des Alleinstellungsmerkmals in so hervorragender Weise erfüllt.

Ein Krater schreibt Raumfahrtgeschichte

Das Ries hat den Blick auch über die Erde hinaus geweitet. Als die NASA in den 1960er-Jahren ihre Apollo-Astronauten auf Mondmissionen vorbereitete, wurde das Ries zu ihrem Trainingsgelände. Hier lernten die Astronauten Gesteine und Geländeformen kennen, die sie später auf dem Mond erwarten würden. Im RiesKraterMuseum Nördlingen kann man heute ein echtes Stück Mondgestein bestaunen – eine kleine Kostbarkeit und zugleich ein Symbol für die Verbindung von Erde und All.

Doch das Ries bietet weit mehr: Klöster, Kirchen, Burgen und historische Städte zeugen von reichem kulturellem Erbe. Hier haben nicht nur Meteoriten, sondern auch Menschen bleibende Spuren hinterlassen – mit Hingabe, Kreativität und einem besonderen Sinn für das, was dauerhaft bleibt.

Erlebnisort Geopark Ries: Erdgeschichte zum Anfassen

Wer das Ries besucht, sollte hinaus in die Landschaft gehen. Auf den vielen Wander- und Radwegen, etwa dem Ries-Panoramaweg, lässt sich der Krater in seiner ganzen Größe erkunden und erleben. Zertifizierte Geoparkführerinnen und -führer machen die Landschaft und ihre Geschichte lebendig, erzählen von kosmischen Kräften, geologischen Wundern und kleinen Alltagsgeschichten, die die Region prägen.

Für Schulen und Familien ist der Geopark ein idealer Lernort. „Grüne Klassenzimmer“ mit Erlebnis-Geotopen und Lehrpfaden bringen die Erdgeschichte aus dem Lehrbuch in die Realität. Dabei kommt auch die belebte Natur nicht zu kurz: Der Geopark engagiert sich für den Erhalt wertvoller Lebensräume - etwa beim Schutz wertvoller Magerrasenflächen - und zeigt mit regionalen Produkten und traditionellen Spezialitäten bei „Geopark Ries kulinarisch“, dass Nachhaltigkeit durch den Magen gehen kann.

Was ist eigentlich ein Geopark?

Ein Geopark ist weder ein „Geologie-Park“ mit einer Ansammlung interessanter Gesteine und schon gar nicht ein „Spielplatz“ für Geowissenschaftlerinnen und Geowissenschaftler. Geoparks machen ALLEN, die sie mit offenen Augen besuchen, die Geschichte der Erde sichtbar und verständlich. Im Mittelpunkt stehen geologische Besonderheiten, die aber immer im Zusammenhang mit Natur, Kultur, Geschichte und dem Leben der Menschen vor Ort stehen. Ein Geopark ist also ein Ort des Entdeckens – ein Raum, in dem die Geschichte der Erde mit der Lebenswelt der Menschen in Verbindung tritt. Eine wichtige Rolle spielen dabei Geotope. Diese „Fenster in die Erdgeschichte“ - z.B. Gesteinsschichten oder auffällige Landschaftselemente wie Felsen - ermöglichen Einblicke in unseren Planeten und seine Entwicklung. Sie machen geologische Prozesse begreifbar indem sie uns dabei helfen zu verstehen, wie unsere Erde entstanden ist und wie Landschaften sich über lange Zeiträume geformt und verändert haben.

Vor allem eint alle Geoparks ein Gedanke: die Erdgeschichte als Teil unserer gemeinsamen Zukunft zu verstehen. Damit stehen sie für Nachhaltigkeit. Sie sind Erlebnisräume, Lernorte und Zukunftswerkstätten, machen geowissenschaftliche Forschung für die Öffentlichkeit verständlich, fördern das Bewusstsein für Natur und Landschaft und stärken die Identifikation mit der eigenen Region. Entscheidend für ihren Erfolg ist, dass sie aus Initiativen der Region selbst erwachsen, wobei das Engagement der Menschen eine zentrale Rolle spielt: Viele Projekte entstehen gemeinsam mit Gemeinden, Schulen, Ehrenamtlichen und lokalen Initiativen. So wächst die Verbundenheit mit der eigenen Landschaft – und aus einem „interessanten Hügel“ wird plötzlich ein Stück Erdgeschichte vor der Haustür.

Gerade für Kinder und Jugendliche sind Geoparks wichtige außerschulische Lernorte die sehr konkret zeigen, wie Naturgeschichte, Umweltfragen und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören. Hier wird anschaulich, wie Geologie unseren Alltag beeinflusst – etwa über Böden, Rohstoffe, Bautechniken oder die Nutzung von Landschaften. Damit greifen Geoparks auch aktuelle Themen auf, von Ressourcenfragen bis zu Klima-, Umwelt- und Naturschutz und sind mehr als „nur“ schöne Landschaft.

Eine Idee mit Strahlkraft

Nachdem in Deutschland um die Jahrtausendwende - der Idee der Europäischen Geoparks folgend - Geopark-Initiativen einen regelrechten „Boom“ erlebten, wurde 2001 das Gütesiegel „Nationaler Geopark in Deutschland“ eingeführt; im Jahr der Geowissenschaften 2002 wurden dann die ersten vier Nationalen Geoparks ausgezeichnet. Seitdem hat sich die Idee zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt. Als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung, die Schutz, Bildung, Tourismus und regionale Wertschöpfung verbinden, sind sie seit 2004 auch durch die UNESCO anerkannt.

Auch wenn die Entwicklung mehrerer Geopark-Gütesiegel nebeneinander anfangs nicht ganz reibungslos verlief, sind die verschiedenen Verfahren inzwischen etabliert und greifen ineinander. Die Zusammenarbeit funktioniert gut und die Geoparks unterstützen sich gegenseitig in Netzwerken und bei zahlreichen gemeinsamen Projekten.

Aktuell gibt es in Deutschland zwanzig national zertifizierte Geoparks. Acht von ihnen sind zusätzlich als UNESCO Global Geoparks anerkannt – darunter seit 2022 auch der Geopark Ries. Die Auszeichnungen werden regelmäßig überprüft, um den hohen Standard zu sichern. Entscheidend sind dabei nicht nur geologische Besonderheiten, sondern vor allem die Qualität der Vermittlung ihrer Kernbotschaften und Informationen, der Bildungsarbeit und der regionalen Einbindung.

Ein Jubiläum mit Bedeutung

Zwanzig Jahre Nationaler Geopark Ries – das ist mehr als ein runder Geburtstag. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg einer Region, die ihr geologisches Erbe als Chance begreift: zum Forschen, Lernen, Staunen und Leben: Aus einer urzeitlichen Katastrophe ist ein lebendiger Raum der Erkenntnis und Begeisterung geworden.

Das Ries verbindet, was auf den ersten Blick unvereinbar scheint – Wissenschaft und Alltag, Geschichte und Zukunft, Erde und Himmel. Doch das Herz eines Geoparks schlägt in den Menschen, die ihn tragen: Gemeinden, Schulen, Initiativen und Ehrenamtliche gestalten gemeinsam die Zukunft ihrer Region. So entsteht ein lebendiges Miteinander, in dem Wissen, Identität und Verantwortung wachsen. Wer verstehen will, wie alles zusammenhängt, ist im Geopark Ries genau richtig.

Fazit

Was damals für die Erde eine Katastrophe war, ist heute ein echter Glückstreffer für Wissenschaft, Tourismus und regionale Identität. Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Selten hat ein Einschlag so nachhaltig Gutes bewirkt.

Dr. Ulrike Mattig

Dr. Ulrike Mattig ist dem Nördlinger Ries schon lange persönlich verbunden. Im Rahmen ihres Studiums der Geologie-Paläontologie an der Universität Erlangen besuchte sie die Region regelmäßig und war immer wieder fasziniert von der Landschaft und deren Geschichte. Nach Abschluss ihrer Promotion wurde sie zunächst Dezernentin im Geologischen Landesdienst Hessen und später Referatsleiterin im Hessischen Umweltministerium. In dieser Zeit infizierte sie sich mit dem „Geopark-Virus“ und engagierte sich nachhaltig für den Aufbau des Gütesiegels „Nationaler GeoPark in Deutschland“. Nach ihrem Wechsel in das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst übernahm sie die Leitung der Expertengruppe und nachfolgenden Zertifizierungskommission der GeoUnion/Alfred Wegener Stiftung; sie ist auch Mitglied des Nationalkomitees UNESCO Global Geoparks der Deutschen UNESCO Kommission.

Am Nördlinger Ries fasziniert sie – neben dem Alleinstellungsmerkmal des kosmischen Einschlagkraters und der damit verbundenen spektakulären Geologie – vor allem die tiefe Verbundenheit der Menschen in dieser Region mit ihrem „Himmelsgeschenk“. Darin sieht sie auch den großen Erfolg des Nationalen und UNESCO Global Geoparks Ries, denn „Ein Geopark wird nicht von oben verordnet, sondern von unten getragen und gelebt …“.