Eine Reise durch die Forschungsgeschichte des Rieskraters - Teil 1
Gisela Pösges, Dipl.-Geologin, Geopark Ries e. V.
Anfang der 60ger Jahre des 20. Jahrhunderts erbrachten Eugene Shoemaker (Abb. 1.) und Edward Chao (Abb. 2.) den ultimativen Beweis, dass der Rieskrater durch ein kosmisches Ereignis – einen Asteroideneinschlag vor ca. 15 Millionen Jahren - entstanden ist. Dieser Nachweis gelang durch das Auffinden der Quarz-Hochdruckminerale Coesit und Stishovit im wichtigsten Gestein des Rieses – dem Suevit. Diese besonderen Minerale gelten als sog. „Fingerabdrücke“ des kosmischen Geschosses, das den Rieskrater formte. Einige Jahre später wurde die sog. Progressive Stoßwellenmetamorphose durch Dieter Stöffler (1967) an den Mineralen des Rieses nachgewiesen. Schlussendlich gilt es nun als gesichert - nicht zuletzt durch auch durch das Vorkommen von acht weiteren Hochdruckmineralen, u.a. Mikro-Diamanten (Abb.3.) – der Rieskrater hat seine Entstehung, einem Asteroiden-Einschlag zu verdanken. So konnte das Rätsel des Rieses mit seiner über 200 Jahre Forschungsgeschichte gelöst werden.
Doch bevor die Entstehung des Rieskraters - dieser einzigartigen geologischen Struktur in Deutschland - diese kosmische Lösung erfuhr, war es ein sehr langer, „steiniger“ Weg, der viele berühmte Geologen vor ein großes Rätsel stellte.
Die „Sphinx“ der deutschen Geologie
Das Ries galt als die Sphinx der deutschen Geologie und seine Entstehung war wie Deffner 1870 so treffend im nachfolgenden formulierte, schwer zu deuten. „Das Ries ist eine tief in Sand und Schlamm versunkene Sphinx und gibt dem Forscher Rätsel auf, die nur durch anhaltende Bemühungen und nicht im kurzen Siegeslauf zu lösen sind“.
Die außergewöhnliche Gestalt des Rieses war es, die vielen Geologen als etwas Besonderes auffiel. Treffend formulierte E. Fraas 1903: „Eine auffallende Unterbrechung erleidet die Kette des schwäbisch-fränkischen Jurazuges die Senke des Rieses, welches wie ein riesiges Amphitheater von 25 km Durchmesser in den Rand des Juragebirges einschneidet“.
Neben dieser speziellen Gestalt des Rieskraters, zeigt die geologische Formation des Rieses viele ungewöhnliche Phänomene. Jüngere Gesteinsformationen sind über älteren abgelagert (inverse Lagerung). Zudem sind die Gesteinsablagerungen teilweise bunt vermischt, so z. B. findet man Ablagerungen verschiedener Trias- und Juraformationen in unmittelbarer Nähe von Gesteinen des kristallinen Untergrunds. Die Gesteine sind teilweise intensiv brecciiert (zertrümmert). Zudem findet man Striemungen an Gesteinsoberflächen. Diese sog. Schliffflächen weisen große Ähnlichkeiten zu Gletscherschliffen auf.
Am interessantesten ist aber ohne Zweifel das Vorkommen des Suevits. Dieses besondere Gestein wurde viele Jahrhunderte lang vulkanisch gedeutet. Der Suevit oder auch Schwabenstein (Suevia, lat. für Schwaben) ist eine Breccie, die hauptsächlich aus Grundgebirge besteht, das stark zertrümmert ist. Als auffallendes Charakteristikum zeigt es Aufschmelzungen, die sog. Glasbomben oder im Schwäbischen auch Flädle genannt. Dieses Gestein fiel den Geowissenschaftlern schon sehr früh als eine Besonderheit auf. Neben diesem, wie man heute weiß, durch ein kosmisches Ereignis gebildeten Gesteins, waren aber auch die umfangreichen Ablagerungen des Kratersees sehr früh bekannt.
Diesen vielen Eigenartigkeiten, machten den Rieskrater schon sehr früh zu einem begehrten Forschungsobjekt in der Geologie. Um diese verschiedenen Ries-Phänomene zu deuten, wurden sehr viele verschiedene Entstehungstheorien entwickelt, die mit der heutigen Kenntnis z. T. nur schwer nachzuvollziehen sind.
So fühlte sich fast jeder bedeutende Geologe in Deutschland veranlasst, sich mit den Rieskrater zu beschäftigen.
Die frühe Periode der Riesforschung
Die schwefelhaltige Quelle bei Wemding, auch als Wildbad Wemding bekannt, ist seit 1686 in der wissenschaftlichen Welt bekannt. Als Heilquelle ist sie sogar schon seit mindestens 1449 prominent. Trotzdem ging von hier keine Forschungsaktivität aus.
Die erste wissenschaftliche Beschreibung der geologischen Vorkommen des Rieskessels betrafen die Ablagerungen des Ries-Sees. Generalsuperintendent G. A. Michel erwähnte 1758: „eine Masse von Millionen kleinen, kaum Hirsekorn großen Muscheln und Turbiniten, welche mit dazwischen gemengtem Mergel und klarem Sand zusammenbacken. Die Masse macht ein ganzes Stratum aus“. Er beschrieb, ohne es richtig geologisch zu deuten, die obermiozänen, fossilreichen Seesedimente mit Wasserschneckchen Hydrobia und Muschelkrebschen Strandesia am Nordostrand des Rieses bei Oettingen.
Einige Jahrzehnte später – 1792, ein ganz wichtiges Jahr für die Riesforschung – beschrieb der aus dem Rheinland an die Festung Ingolstadt gerufene Ingenieurhauptmann C. v. Caspers zum ersten Mal den Suevit. Er war auf der Suche nach einem Baumaterial für die Ingolstädter Festung. Dieses Gestein sollte ähnliche puzzolanische Eigenschaften wie der rheinische Trass aufweisen, den er als Bestandteil eines wasserfesten Zements schätzte. C. v. Caspers entdeckte Trass ähnliche Vorkommen bei Hainsfarth (bei Oettingen), bei Harburg und Monheim. In Analogie zum rheinischen Trass nannte er die Vorkommen im Riesgebiet „bayerischen“ Trass und deutete dieses Gesteines als Zeugnisse eines „erloschenen“ Vulkans.
Der erste, der das Ries als wirkliche Besonderheit deutete, war Matthias Flurl, der Direktor des Salinen-, Berg-, und Hüttenwesens in München. Er beschrieb sie im Jahr 1805 folgendermaßen: “Was aber alle mineralogischen Merkwürdigen in dem Neuburgischen wenigstens in geognostischer Rücksicht übersteigt, ist die wirklich vulkanische Gegend um Otting bis Rehau“.
Drei Jahrzehnte später, 1834 entdeckte Bernhard von Cotta, der später Professor an der Bergakademie in Freiberg/Sachsen wurde, „Bruchstücke älterer Gesteine (Gneiss?)“. Eine echte Überraschung, in der ansonsten durch Jura-Sedimente geprägten Alblandschaft. Sogenannte „Breccienbildung des Jurakalkes“ veranlasste B. v. Cotta zu der Vorstellung eines Ries-Sees, der schließlich gewaltsam zwischen Harburg und Donauwörth durchgebrochen war. Zudem erwähnte er basaltische Eruptionen rings um den Süßwassersee. Auffällig erschien ihm aber die Absenz von vulkanischen Gesteinen wie dem Basalt. Er erklärte diesen Umstand so, „wie es scheint (ist der Basalt Anm. d. Verf.) nirgends zum eigentlichen Durchbruche gekommen“. Er erwähnte aber „bedeutende Einwirkungen durch Gas, Hitze und Druck“.
Drei Jahre später fragten sich die beiden Geowissenschaftler J. F. Weng und J. B. Guth „Sollte vielleicht unser Ries seine auffallende Kesselgestalt gleichfalls durch vulkanische Tätigkeit des Erdkörpers erhalten haben?“
Es ist sehr auffällig, dass die Deutungstendenz in dieser Zeit stark in die vulkanische Richtung zielte. Einerseits auch bedingt durch die etwa zeitgleiche vulkanische Aktivität auf der schwäbischen Alb. Andererseits auch weil man rezenten Vulkanismus kannte und nach dem Aktualitätsprinzip von James Hutton (1729 –1796), dachte: „Die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit“.
Literaturverzeichnis
Eine Reise durch die Forschungsgeschichte des Rieskraters – Teil 1 und 2
Branco W. and Fraas E. (1905) Abhandlungen. Königl. Preuss. Akad. Wiss., S. 1151–1154, Berlin
v. Caspers, C. (1792): Den neu entdeckten bajrischen Traß betreffend – Entdeckung des Feuerduftsteins im Herzogthum Pfalz-Neuburg etc. J. W. Krüll, Ingolstadt, 47 S.
Deffner, C. (1868) in O. Fraas 1878: Nekrolog des Carl Deffner. Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde Württemberg 34, s. 68
Haußmann, K. (1904): Magnetische Messungen im Ries und dessen Umgebung. Beilage zu den Jahrbüchern des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg, 60. Jahrgang, Stuttgart
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Geologica Bavarica (1977): Ergebnisse der Riesforschungsbohrung 1973. Band 75: Bayer. Geologisches Landesamt, München
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