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Neue Antworten, neue Fragen: Die Untersuchungen an der Doppelschanze bei Os-terholz (Kirchheim am Ri

Dr. Felicitas Schmitt (Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart)

Spätkeltische Viereckschanzen (2.–1. Jh. v. Chr.) sind nicht mehr aus der archäologischen Kulturlandschaft wegzudenken und streuen weit über Süddeutschland. Vergleichbare Anlagen kennt man mittlerweile auch in größerer Zahl in Ostfrankreich und Böhmen, in der Schweiz gibt es nur sehr wenige Beispiele. Der Schwerpunkt ihrer Verteilung liegt damit klar in Bayern und Baden-Württemberg.

Im östlichen Ostalbkreis, unweit der Grenze zu Bayern, sind Viereckschanzen wie jene von Flochberg (Bopfingen) oder Jagstheim (Kirchheim am Ries) gut dokumentiert. Weitaus seltener sind allerdings Viereckschanzen mit umfassenden Annexen, wie z. B. aus Brehmen (Königheim, Main-Tauber-Kreis) bekannt, oder Doppelschanzen, die sich in eine Hauptschanze und einen umwehrten Außenbereich untergliedern.

Die spätkeltischen „Viereckschanzen“ der Mittel- und Spätlatènezeit haben sich – ebenso wie die frühkeltischen Grabhügelgruppen – bis heute in größerer Zahl in den Waldgebieten oder im Grünland obertägig erhalten und gehören somit zu den eindrucksvollsten Denkmalen aus keltischer Zeit. Der Großteil ist heute in den landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten allerdings völlig eingeebnet und obertägig nicht mehr zu erkennen. Durch die Luftbildarchäologie und die Auswertung von digitalen Geländemodelle (basierend auf LiDAR-Daten) wächst die Zahl der bekannten Anlagen dennoch ständig.

Die ländliche Besiedlung der spätkeltischen Zeit besteht neben Dörfern mehrheitlich aus zahlreichen dieser Viereckschanzen. Die Umwehrung eines Gutshofes mit Wall und Graben sowie die Errichtung eines eindrucksvollen Tores sollten repräsentativ wirken aber auch einen wehrhaften Charakter haben. Im Innenraum befanden sich meistens mehrere Gebäude; ein großes Hauptgebäude gegenüber dem Eingang, Nebengebäude in den Ecken, Grubenhäuser und Kleinbauten entlang des Walles. Teilweise gab es auch Brunnen zur Wasserversorgung.

Fragwürdige Datierung: Mittelalterlich oder sogar jünger?

Bis vor kurzem war nicht gesichert, ob es sich bei der Schanze südlich der Verbindungsstraße von Osterholz nach Heerhof auch tatsächlich um eine spätkeltische Anlage handelt, zumal obertägig von ihr nichts sichtbar ist. Sie liegt heute vollkommen verflacht und nahezu komplett im Acker. Bis 2024 erfolgten auch keine systematischen Grabungen.

Die vermeintliche Viereckschanze bei Osterholz war noch im 19. Jahrhundert in Teilen sichtbar, worauf der Gewannname „Schanze“ hindeutet. In der archäologischen Landesaufnahme (1893–1895) von Major Steiner wurde sie als „[…] 160 m langer, 15 m starker und 2,5 m hoher Wall, ohne Zweifel neueren Ursprungs“ beschrieben (Steiner 1896). Der Archäologe Oscar Paret führte 1931 Untersuchungen im Gelände durch und sprach von einem 10 m langen Teilstück des Steinerschen Walls, das wohl noch ganz erhalten war. Der Aufbau stellte sich wie folgt dar: rostbrauner Sand, mit kleinteiliger Verfüllung, vereinzelten Steinen bis Kopfgröße und kleinen Holzkohlenestern. Datierendes Fundmaterial konnte nicht gesammelt werden (Abb. 1). Wolfgang Dehn verzeichnet das Denkmal 1950 auch als ein eher mittelalterliches, wenn nicht sogar jüngeres Objekt, das als Wall-Graben noch auf 160 m Länge erhalten aber größtenteils abgegraben sei (Dehn 1950).

Erst neue Luftbilder sowie geophysikalische Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege (LAD) aus der Zeit der Jahrtausendwende, rückten die Felder um Osterholz wieder in den Fokus des Interesses. In den 1990er Jahren intensivierte sich die Forschung im baden-württembergischen Teil des Rieses, nicht zuletzt im Rahmen der detaillierten Untersuchungen auf dem frühkeltischen Machtzentrum Ipf sowie an Grabhügeln, Viereckschanzen und Rechteckhöfen in dessen Umfeld. Die späthallstatt-/frühlatènezeitlichen Rechteckhöfe bei Osterholz („Zaunäcker“ und „Bugfeld“) sowie der Großgrabhügel Osterholz und der kleinere gegrabene sind hier die eindrücklichsten Beispiele. Luftbildaufnahmen seit 1999 von Otto Braasch deckten Wuchsmerkmale etwa 500 m südöstlich des Weilers Osterholz auf, die eindeutig nicht geologischer Natur waren. Es zeigte sich der perfekte Grabenverlauf einer eventuell spätkeltischen Doppelschanze (Abb. 2). Erste geophysikalische Untersuchungen durch Harald von der Osten-Woldenburg bestätigten das Bild und machten zahlreiche Anomalien und Gebäudegrundrisse v. a. im nördlichen Teil der Doppelschanze sichtbar (von der Osten-Woldenburg 2007). Es bestand nur noch geringer Zweifel an einer Einordnung in spätkeltische Zeit.


Die Untersuchungen 2024

Das LAD führte im Sommer und Herbst 2024 in Kooperation mit dem Förderverein Keltischer Fürstensitz Ipf – Bopfingen und Kirchheim am Ries e. V. neue Untersuchungen an der Doppelschanze bei Osterholz durch. Anfang Juli wurden zunächst neue magnetische Prospektionen umgesetzt, was dem Monitoring der Fundstelle sowie der exakten georeferenzierten Lokalisierung der Anomalien diente. Neben der höheren Auflösung durch modernere Messtechnik, konnte im Vergleich zur 20 Jahre älteren Messung erfreulicher Weise festgestellt werden, dass die vergangenen Jahre nicht zur sichtbaren Zerstörung von Anomalien geführt haben dürften, was sicherlich der mittlerweile sehr schonenden landwirtschaftlichen Nutzung (Grünland) zu danken ist. Neben den exzellent zu erkennenden Ost-West und Nord-Süd verlaufenden Grabenstrukturen, zeigen sich insbesondere im Norden innerhalb der Hauptschanze zahlreiche Anomalien, die sich zu verschiedenen Gebäudegrundrissen zusammenfügen lassen (Abb. 3). Anzahl und Aufteilung der definierbaren Grundrisse passen zur üblichen Innenbebauung spätkeltischer Viereckschanzen. Eine äußerst starke Anomalie in der Nordwestecke, mit nahezu quadratischem Umriss und einer Verlängerung gen Süden, könnte auf einen Brunnen hinweisen. Näheres hierzu können aber erst zukünftige Untersuchungen (Bodenradar und Bohrungen) ergeben (Schmitt u. a. 2024).

Auf dieser Basis wurden hauptsächlich im Oktober und November 2024 zwei gezielte Grabungsschnitte geöffnet und wissenschaftlich untersucht (Abb. 3 und 4). Ziel war es mehr über das Wall-Graben-System und die Gebäudegrundrisse innerhalb zu erfahren sowie über das Fundmaterial und naturwissenschaftliche Methoden eindeutige Datierungen zu erhalten. Schnitt 1 (15 m x 3 m) führte durch den Graben, der die Doppelschanze ca. mittig in Haupt- und Nebenschanze teilt. Unter einer ca. 70 cm dicken Auflage konnte im Planum und Profil der Graben auf einer Breite von knapp 6 m dokumentiert werden. Im Laufe der Ausgrabung zeichnete er sich als für Viereckschanzen typischer Spitzgraben mit einer erhaltenen Tiefe von ca. 2,7 m ab. Die Verfüllung war in diesem Grabenabschnitt relativ steril und nahezu fundfrei, auch Brandschichten konnten nicht detektiert werden. Schnitt 2 (ca. 4 m x 8 m) wurde wenige Meter nördlich von Schnitt 1 angelegt und sollte Teile eines Hausgrundrisses untersuchen. Auf der kleinen Fläche konnten acht Befunde freigelegt werden, die allesamt Pfostengruben waren. Sie zeichneten sich 30–40 cm unterhalb der heutigen Oberfläche ab und waren noch bis zu 80 cm eingetieft. Schon im Magnetogramm ließ sich erahnen, dass es Befundüberschneidungen gibt bzw. der untersuchte Grundriss mehrphasig sein muss. Das ließ sich dann auch durch die Überschneidung der Gruben 16, 18 und 20 bestätigen (Abb. 5 und 3). Das wenige Fundmaterial besteht aus Gebrauchskeramik und vereinzelten kalzinierte Knochenfragmenten. Zum Teil lässt sich die Keramik eindeutig der Spätlatènezeit zuordnen (Abb. 6). Die in den Gruben befindlichen Holzkohleschichten wurden für Radiokarbondatierungen beprobt (Schmitt u. a. 2024).

Datierung der Pfostengruben aus Schnitt 2

Die Artenbestimmung der Holzkohle von Oliver Nelle (LAD) zeigte, dass es sich in den meisten Fällen um Linden-Holzkohle handelte, d. h. die potenzielle Altersabweichung ist deutlich niedriger als bei Eiche. Insgesamt wurden sechs Proben aus vier Pfostengruben zur Datierung in das Labor des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) in Mannheim gegeben. Leider war es nicht möglich aus der Grabenverfüllung (Schnitt 1) Probenmaterial zu gewinnen, weder Holzkohle noch Knochenfragmente.

Über die Keramik aus den Befunden aus Schnitt 2 sowie den typischen Spitzgraben aus Schnitt 1 waren wir davon ausgegangen, dass auch die 14C-Datierung vorrangig in das 2. und 1. Jh. v. Chr. fallen würde, doch die Ergebnisse offenbarten anderes. Alle Daten finden sich auf der Kalibrierungskurve in der zweiten Hälfte des 4. und v. a. im 3. Jh. v. Chr. Das wäre mindestens ein Jahrhundert vor dem Auftauchen klassischer Viereckschanzen. Vielleicht handelt es sich im Bereich des untersuchten Hausgrundrisses (Schnitt 2) um die Anfänge, eventuell sogar einen Vorläufer der Doppelschanze.

Dank der wegweisenden Ausgrabungen bei Bopfingen-Flochberg auf einem Areal von fast 4 ha Größe Ende der 1980er, Anfang 1990er, konnte ein umzäunter Vorläufer der dortigen Viereckschanze von ca. 1,5 ha Fläche festgestellt werden, der bereits in der Frühlatènezeit beginnt. Es macht deutlich, dass Platzkontinuität und mit Zaun- und Palisadengräbchen umgebene Vorläufer einer Viereckschanze, keine Ausnahmen darstellen. Demnach ist es denkbar, dass die Pfostengruben des untersuchten Hausgrundrisses bei Osterholz auch zu einem solchen Vorgänger der Viereckschanze gehörten. Die Vielzahl der durch die Magnetik sichtbar gemachten Anomalien, können durchaus als Argument für eine solche Platzkontinuität gewertet werden. Gerade in der 2. Hälfte des 1. Jt. v. Chr. zeigt sich in Umfeld von Osterholz eine rege Siedlungsaktivität. So laufen die in der Späthallstattzeit beginnenden Rechteckhöfe „Bugfeld“ und „Zaunäcker“ noch bis in die Frühlatènezeit (5. / 4. Jh. v. Chr.), gefolgt von umzäunten Vorläufern, die schon in der Frühlatènezeit beginnen, im Bereich späterer Viereckschanzen (s. Flochberg). Nach den spätlatènezeitlichen Viereckschanzen (2. / 1. Jh. v. Chr.), wie die Doppelschanze im Gewann „Schanze“, finden sich sogar noch römerzeitliche Gutshöfe im Westen des heutigen Weilers Osterholz. Ein Argument für eine enorme Siedeltätigkeit im Bereich der Viereckschanze Osterholz findet sich auch in den vielen Anomalien, die sich im Magnetogramm auf einer Fläche von ca. 3,6 ha gezeigt haben. Entsprechendes Forschungspotential befindet sich daher noch im Boden.


Dr. Felicitas Schmitt

Dr. Felicitas Schmitt ist Fachreferentin für Metallzeiten und Gebietsreferentin für sechs Kreise im Referat 84.3, Prähistorische Archäologie, beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.

Sie studierte Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Paläoanthropologie und Vorderasiatische Archäologie von April 2006 bis Juni 2013 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen mit einem Auslandssemester prähistorische Archäologie an der Universität Granada (Spanien). Ihre Magisterarbeit verfasste sie über Kinderbestattungen der Aunjetitzer Kultur.

Die Promotion erfolgte im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs (SFB) 1070 RessourcenKulturen in Tübingen zum Siedlungswesen und der Ressourcennutzung während des Chalkolithikums in Zentralspanien. Von Oktober 2013 bis Ende Juni 2017 war Frau Schmitt hierfür im Teilprojekt A02 „Viel Erz und wenig Wasser“ als wissenschaftliche Mitarbeiterin während der 1. Förderphase des SFB angestellt. Die Promotionsschrift wurde im Oktober 2020 eingereicht und im Oktober 2021 verteidigt.

Seit Mitte 2017 ist Frau Schmitt am Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in der Archäologischen Denkmalpflege tätig. Zunächst als Volontärin, dann in verschiedenen Projektanstellungen (Kelten in Baden-Württemberg und UNESCO Tentativlistenantrag frühkeltische Machtzentren) und seit Anfang 2021 als Gebiets- und Fachreferentin unbefristet. Seit ihrer Anstellung beim Landesamt für Denkmalpflege befasst sie sich schwerpunktmäßig mit der süddeutschen Eisenzeit.

 

Literatur

Dehn 1950
Wolfgang Dehn: Vor- und frühgeschichtliche Bodendenkmale aus dem Ries. In: 23. Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen und das Ries, 1950, S. 34.

von der Osten-Woldenburg 2007
Harald von der Osten-Woldenburg: Geophysikalische Prospektionen im Umfeld des Ipf. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.): Der Ipf. Frühkeltischer Fürstensitz und Zentrum keltischer Besiedlung am Nördlinger Ries. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 47. Stuttgart: Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e. V., 2007, S. 60–65.

Schmitt u. a. 2024
Felicitas Schmitt, Günther Wieland, Natalie Pickartz, Wilhelm Weiher, Maximilian Zerrer: Neue Untersuchungen an der Doppelschanze bei Osterholz. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2024, S. 167–170.

Steiner 1896
Julius Steiner: Archäologische Landesaufnahme vom Jahre 1893–1895. In: Fundberichte aus Schwaben 4, 1896, S. 11–23.