Natur und Naturschutz im Nördlinger Ries
Kurt Kroepelin für die Schutzgemeinschaft Wemdinger Ried e.V., den Rieser Naturschutzverein e.V. und die Rieser Naturstiftung
Landschaft und Geologie
Das Nördlinger Ries, gelegen zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb hebt sich mit einem nahezu kreisförmigen, flachen Kessel mit rund 26 km Durchmesser morphologisch deutlich von der Alb-Umgebung ab und bildet einen vielschichtigen Landschaftsraum.
Trotz der dichten Landnutzung verblieben naturnahe Areale. Die Standorte reichen hier im engsten Raum von extrem feucht bis extrem trocken und sind somit Ausgangspunkt der hohen Biodiversität im Ries. Grundlage für diese wechselhafte und engständige Verteilung der Lebensräume ist die Geologie des Riesimpaktes.
Der Rieskrater hat die Morphologie einer Schüssel mit unmerklichem Relief im Zentralkrater und mit steil ansteigenden Rändern. Die Höhen reichen vom Kraterboden bei Heroldingen im Osten mit 406 m ü. Normalhöhennull (NHN) bis auf 644 m ü. NHN am südwestlichen Kraterrand beim Blankenstein bei Ederheim. Die Höhendifferenz zum Kraterrand kann 150 m und mehr betragen, was Auswirkungen auf Klima und Standortbedingungen hat. Das heterogene Auswurfmaterial der Bunten Trümmermassen, vorwiegend aus Moldanubikum und mesozoischen Schichten, gestaltete eine reich gegliederte Landschaft mit unterschiedlichen Böden. Der Auswurf von kristallinem Gestein, Sandsteinen und Suevit bereichern das Ries beispielsweise neben alkalischen und neutralen Böden um saure, silikatische Böden. Daher treten sowohl kalkliebende als auch kalkmeidende Pflanzengesellschaften auf. Zudem bildet das Ries den Schnittpunkt verschiedener Regionen wie Schwäbische mit Fränkischer Alb, Keuper-Lias-Land, Donau- und Lechtal, die Flora und Fauna beeinflussen.
Vereinsgründung und Naturschutzziele
Der Rückgang wertvoller Lebensräume durch Aufgabe der jahrhundertealten Nutzung, Änderung und Intensivierung der Bewirtschaftung und mangelnder Pflege veranlasste zu Beginn der 1970er Jahre gesellschaftlich aktive Bürger aus allen Schichten die regionalen Vereine Schutzgemeinschaft Wemdinger Ried e.V. und den Rieser Naturschutzverein e.V. zu gründen. Ziel war es, Lebensräume zu sichern und damit bedrohte Arten zu unterstützen.
Initial und Grundlage war die Schaffung des Feuchtgebietes Wemdinger Ried. Es sollten durch Ankauf sensibler Flächen noch viele weitere vereinseigene Schutzgebiete folgen. Gerade die Nutzung der extensiv genutzten Streuwiesen war mit Umstellung der Landwirtschaft und beginnender Flurbereinigung sukzessive in den 1960er Jahren aufgegeben worden. Der durch die Vereine vorgenommene Ankauf einiger für die moderne Landwirtschaft wenig geeigneter Flächen, ermöglichte den Erhalt von Biotopflächen. Beispiele hierfür sind die Pfäfflinger Wiesen, der Anhauser Weiher, die Streuwiesen um Wemding, Gosheim und Laub im mittleren und östlichen Ries. In Nittingen und Ziswingen gelang es mit brachen Hutungen auch Trockenstandorte mit spezieller Flora und Fauna zu erwerben. Die Flächen wurden aufgewertet und Pflegekonzepte, teilweise auch mit extensiver Beweidung, erstellt.
Aber auch der Erhalt des Landschaftsbildes auf kommunalen Flächen stand im Fokus der Vereinsarbeit. Die das Landschaftsbild prägenden Wacholderheiden auf den Megablöcken Albuch, Hoher Stein, Niederhäuser Berg (Hürnheim), Ganzenberg und Breitenberg (Niederaltheim), Ofnet, Lindle (Holheim), Kirchberg, Sonnenbuck (Schmähingen), Lehmberg, Schnitzberg Huisheim wurden gepflegt. Das Ries endet ja nicht an der Bundeslandgrenze. Gerade auf den Auswürflingen um Bopfingen entstanden auf den Kalkgesteinsschollen wertvolle Trockenrasen. So wurden von den Rieser Vereinen in Zusammenarbeit mit dem Forstamt Bopfingen und der Umweltgruppe Kirchheim der Beiberg, Schlossberg, Tonnenberg, Vohbühl und Karkstein von Verbuschungen befreit. Imposantestes Pflegebeispiel war der Zeugenberg Ipf, wo die während der vor- und frühgeschichtlichen Besiedlung erstellten Trichtergruben wieder freigestellt wurden (Astrid Stobbe, Maren Gumnior und Rüdiger Krause: Zur Wasserversorgung der bronze- und eisenzeitlichen Befestigungen am Ipf. Interdisziplinäre Untersuchungen der Trichtergruben am Nordhang des Berges. In: Rüdiger Krause, Astrid Stobbe (HRSG): Vier Jahrtausende Kulturgeschichte: Ökosystemforschung im Umfeld des frühkeltischen Fürstensitzes auf dem Ipf. Stiftung KESSLER + CO für Bildung und Kultur, Abtsgmünd, 2025, S. 124-133). In den letzten Jahren war der aus Travertin aufgebaute Goldberg (Josef Th. Groiss: Das Ries und sein Vorland. Sammlung geologischer Führer, Bd. 92, Berlin; Stuttgart: Bornträger 2000, S. 152-155) mit seinen ehemaligen Steinentnahmen an den Hängen ein Pflegeziel. Der Schutz der hohen Biodiversität der Trockenrasen und der Erhalt des über Jahrhunderte bestehenden Landschaftsbildes bewahrte gleichzeitig Funktion und Gestalt von Kulturdenkmälern, da Siedlungen und Burgen meist auf Höhen angelegt worden waren.
Geotopschutz - damals und heute
Im Ries waren in der Vergangenheit in den meisten Dörfern kleinere Gemeindesteinbrüche angelegt worden. Da bis Ende der 1970er Jahre noch keine kommunale Müllentsorgung etabliert war, wurden die „Löcher“ mit Beginn der Wirtschaftswunderjahre mit Bauschutt, Wohlstandsmüll und Grüngut zugeschüttet. Der in den 1980er Jahren aufkommende Umweltschutzgedanke brachte den Rieser Naturschutzverein dazu, Steinbrüche von Müll zu säubern. Mit der Säuberung sollte beim Steinbruch Bühl auch das wertvolle Amphibien-Laichgewässer geschützt werden (Schutzgemeinschaft Wemdinger Ried e.V., Rieser Naturschutzverein e.V., Rieser Naturstiftung (HRSG): 50 Jahre Naturschutz im Ries 1970 – 2020, Nördlingen 2020, S. 127). Schon damals war offensichtlich, dass Steinbrüche wertvolle Biotope aus zweiter Hand sind und Zufluchtsorte für bedrohte Arten darstellen. Als Sonderstandorte für Silikat-Flora und Pionierarten der Amphibien waren die Suevit-Steinbrüche in Amerdingen (heute Naturdenkmal und Besuchergeotop) und Bollstadt bekannt. Diese wurden beginnend in den 1980er mehrfach von Vereinsmitgliedern vor der Verbuschung gerettet und gepflegt.
Dr. Heinrich Greiner und Julius Kavasch regten bereits 1990 einen umfassenden Geotopschutz an (Julius Kavasch, Heinrich Greiner: Die Erhaltung geologischer Aufschlüsse im Ries. In: Bayer. Geologisches Landesamt (HRSG): Das Ries Geologie, Geophysik und Genese eines Kraters, Geologica Bavarica Bd. 61, München 1970, S. 385-388) Der initiale Gründungsgedanke zur Einrichtung eines Geoparks im Ries und des damit verbundenen Schutzes von Abbaustellen und Gewinnungsgruben kam kurz nach der Jahrtausendwende von Seiten des privaten und amtlichen Naturschutzes (frdl. mdl. Mitteilung Heike Burkhardt). Die Naturschutzvereine unterstützten deshalb tatkräftig die Schaffung von Geotopen, denn damit war immer auch eine Inwertsetzung der Standorte verbunden. Bei Planung und Installation der Besucher-Geotope und Geopark- Themenwanderwege brachten die Naturschutzvereine Ihr Wissen und Lokalkenntnisse im Experten-Team ein, nach dem Motto „Man schätzt und schützt nur das, das man auch kennt“.
Höhepunkt der Zusammenarbeit mit dem Geopark Ries war das von der Stiftung Bayerischer Naturschutzfonds geförderte Gemeinschaftsprojekt des Landkreises, der Naturschutzvereine und des Geopark Ries: „Abbaustellen im Landkreis Donau- Ries - Von Wunden in der Landschaft zu Naturparadiesen“. Über den Landkreis verteilt wurden zahlreiche Steinbrüche und Gruben gepflegt, entbuscht, Feuchtmulden hergestellt und die Objekte in Wert gesetzt. So konnte beispielsweise der Kalksteinbruch Fuchsloch (Megablock Malm) dank der Projektgelder in öffentliches bzw. Vereinseigentum überführt werden und der ehemalige Suevit-Steinbruch in Amerdingen als Besucherbiotop entwickelt (Geopark Ries e.V. (HRSG): Fenster in die Erdgeschichte, Donauwörth 2023, S. 50-57). Geotopschutz ist Biotopschutz!
Projekte und gelebter Naturschutz
Die Offenhaltung der Landschaft kann nicht nur die Aufgabe von Pflegeaktionen sein. Über Jahrhunderte wurde die Landschaft durch Hütehaltung = Beweidung offengehalten. Deswegen unterstützt der Naturschutz intensiv diverse Beweidungsprojekte. Die behördliche Unterstützung erfolgte durch die 2009 gegründete Heide-Allianz Donau-Ries. An erster Stelle ist die Wanderschäferei zu nennen, die traditionelle Bewirtschaftung der Wacholderheiden im Ries und der angrenzenden Schwäbischen und Fränkischen Alb. Zur Vernetzung der weit auseinander liegenden Weidegebiete, die meist auf Megablöcken mit Karbonatuntergrund lokalisiert sind, wurden Triften und Triebwege reaktiviert. Ferner wurden weitere Pferchflächen außerhalb der geschützten Magerrasen etabliert, Schattenpferche und Tränken geschaffen. Kleinere, isolierte Flächen werden seit den letzten Jahren in Koppelhaltung beweidet. In Sonderflächen wurden Beweidungsprojekte mit Rindern, meist Galloways, oder mit Ziegen (Steinbrüche Bollstadt, Kellersteinbruch und Fuchsloch, Holheim) geschaffen.
In den Gründerjahren galt es, Bestandserhebungen durchzuführen. Die botanischen Erhebungen wurden fortgeführt und gipfelten in der Herausgabe der „Flora des Rieses“ (Rudolf Fischer: Flora des Rieses,2. Auflage, Verlag Rieser Kulturtage e.V., 2002). So konnten dadurch Standorte sehr seltener oder gefährdeter Pflanzen wie Orchideen, Märzenbecher, Wasserfenchel, Sumpf-Brenndolde, Haarstrang usw. geschützt werden. Mit den Rankenäckern bei Utzwingen am Windsberg entstand ein separates Ackerwildkraut-Reservat, das bayernweit Bedeutung hat.
Mit Beginn der Vereinsgründungen der Naturschutzvereine stand der Schutz und Erhalt und Verbesserung der Lebensräume von Amphibien und Reptilien an erster Stelle. So wurde die Amphibienwanderung im Röhrbachtal und in Wemding betreut. Im Ostries entstanden zahlreiche Tümpel, Teiche wurden für den Laubfrosch gepflegt. Die Anlage von Feuchtmulden für die Pionierarten Kreuzkröte und Gelbbauchunke an unterschiedlichen Orten, z.B. auch in Geotopen, half den Bestand zu sichern.
Höchste Priorität hat traditionell der Schutz und die Bestandserhaltung von Vögeln. Das Ries beherbergt einige besondere Arten. Wichtige Vogelbrutgebiete liegen in der Riesebene. Die Gebiete sind als Natura-2000 Gebiete naturschutzfachlich geschützt und sollten nur außerhalb der Brutzeit betreten werden. Das Nördlinger Ries ist eines der wichtigsten Brutgebiete für den Großen Brachvogel. Die „Gebietsbetreuung Nördlinger Ries“, ein Projekt des Freistaates Bayern, kümmert sich um Maßnahmen zur Steigerung der Bruterfolge der Wiesenbrüter, u.a. auch Kiebitz und Grauammer. Der Verein ist Teil der Trägerschaft, Vereinsmitglieder helfen beim Aufsuchen, Zäunen und Schutz der Gelege und Jungvögel mit.
Der private Naturschutz besteht im Ries mit seiner vielfältigen Landschaft schon seit mehr als 55 Jahren. Durch geschickte Verhandlungen, Flächenzukauf, Spenden und als verlässlicher Projektpartner konnten nach Schaffung des überregional bekannten Feuchtgebietes Wemdinger Ried weitere Streuwiesen, Wiesen, Biotope, Flächen erworben werden, auf denen, dem Standort entsprechend, Aufwertungsmaßnahmen zur nachhaltigen Sicherung der Biodiversität ausgeführt wurden. So verfügen die Vereine heute über ca. 60 „Schutz- und Pflegegebiete“ über das Ries verteilt. Die nachhaltig gepflegten und bewirtschafteten Flächen sind wichtige Trittsteine für den Erhalt der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität.